“Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung” von Ulrike Herrmann, 2016: eine Leseempfehlung

Unsere Brüsseler Lesegruppe diskutierte "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung" am 6 Juli 2017

Unsere Brüsseler Lesegruppe diskutierte “Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung” am 6 Juli 2017

Gut zu lesen, erhellender Überblick, überzeugende Beispiele: Ulrike Herrmanns Verteidigung des Kapitalismus gegen seine vorgeblichen Bannerträger der Mainstream-Ökonomie ist zu empfehlen. Die taz-Redakteurin schließt ihr Buch mit Beispielen für ihren Untertitel: “Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können”:

  • Adam Smith lehrt, dass Arbeitsteilung nur im Team funktioniert. Die Leistung des einzelnen hängt wesentlich von der Zuarbeit anderer ab. Deshalb lässt sich der Lohn von Busfahrern nur durch ihren Arbeitsort verstehen, nicht durch ihre Grenzproduktivität.
  • John Maynard Keynes erklärt, dass Arbeitslosigkeit nur wenig durch Arbeitsmärkte erklärt wird. Denn ob Anleger in echte Firmen investieren, die dann Arbeitskräfte einstellen oder in Finanzspekulation, die einem Herdentrieb gegen jede von der Neoklassik angenommene Rationalität folgt, ist eine Frage der Finanzmarktregulierung.
  • Mit Keynes und Smith erklärt Herrmann, dass der Euro nur zu retten ist, wenn Deutschland nicht nur Exportweltmeister, sondern gleichzeitig auch Importweltmeister wird. Höhere Löhne in Deutschland würden das Land nicht ärmer, sondern reicher machen. Schon Adam Smith erklärte, dass “beggar-thy-neighbour”-Politik nicht funktioniert. “Kapitalistische Länder können nur gemeinsam reich werden, nicht gegeneinander”. Eine brandaktuelle Diagnose während über die Zukunft der EU, der G7 und G20 diskutiert wird.

Herrmanns Abschlussplädoyer: “Der Kapitalismus ist das einzige dynamische System, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Die Ökonomie sollte ihn erforschen, statt ihn aus ihrer Theorie zu verbannen.”

Die würzige Kürze und ihr Witz gehen auf Kosten der Vollständigkeit. Natürlich bietet auch die Mainstream-Ökonomie mehr als das von ihr beschriebene Versagen in den Grundannahmen und die ausgefallene Vorhersage der Finanzkrise von 2008. Ob der Kapitalismus dynamisch genug ist, sich auch an eine Welt ohne Wachstum anzupassen und an die planetaren Grenzen, das beantwortet Herrmann hier gar nicht. Als Einstieg in einige der wichtigsten ökonomischen Denker hat es mir aber viel Spaß gemacht.

Der Titel entspricht zwar Ulrike Herrmanns Überzeugung. Aber diskutiert wird die Frage nicht. Gäbe es gangbare Alternativen zum Kapitalismus? Darauf gibt dieses Buch keine Antwort. Einstweilen ist aber die behandelte Frage ja schon spannend genug: Wie kann dieser Kapitalismus für mehr Menschen besser funktionieren?

Das Buch kostet 18 EUR im Westend-Verlag oder kann bei mir zu Hause ausgeliehen werden.

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Kein-Kapitalismus-ist-auch-keine-L%C3%B6sung/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=38500692

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